Ein Juwel – das Nikon AF-Zoom 28-200mm G

Das Nikon AF-Zoom-Nikkor 28-200mm G 

Nikon AF 28-200mm G
                                                 Nikon AF 28-200mm G

Die technischen Daten

Das Nikon AF-Zoom-Nikkor 28-200mm 1: 3,5-5,6 G IF-ED hat 12 Linsen in 4 Gruppen, davon 3 ED und 3 asphärische Gläser. Dies ist in einem eher dem Amateurbereich zugeordneten Käuferfeld ein Novum. Außerdem eine runde Lamellenöffnung mit 7 Segmenten, 62mm Filterdurchmesser, für heutige Verhältnisse 380g leicht und mit einer sagenhaften Länge (Kürze) von 69,5mm. Dazu kommen Innenfokussierung, ein Fokusabstand von nur 0,45m und die sehr aufwendige Nikon Super-NIC Mehrschichtvergütung. Diese reduziert Reflexionen auf ein Minimum.

Die Lichtstärke beginnt mit Blende 3.5 – also eher ein „Tageslicht“ Objektiv.

Außerdem ist ein sehr leiser Autofokus, der sehr präzise, aber nicht zu den schnellsten über den gesamten Brennweitenbereich gehört, verbaut. Aber die Möglichkeit der Festeinstellung am Objektiv begrenzt mit dem rechten Schalter den Innenfokussierungsweg von 60cm bis Unendlich deutlich.        

Nikon AF 28-200mm G
                                                  Nikon AF 28-200mm G

Ohne Begrenzung ist dieser sehr lang und der Grund für den langsamen Autofokus. Fokussiert man einmal vor, ist dieses Problem beseitigt. Dann ist im jeweiligen Brennweitenbereich der Autofokus sehr schnell (getestet an einer Nikon D3, DF, D700, D810, D7200, D300). Ein gutes Bokeh im Portraitbereich ist beim Blendenwert von 5.3 bei 85mm nicht vorhanden, aber dafür wurde das Objektiv auch nicht gebaut.

Maximale Blende bei unterschiedlichen Brennweiten – Nikon AF 28-200mm G 

28mm f / 3.5
35mm f / 3.8
50mm f / 4.5
70mm f / 5.0
85mm f / 5.3
105mm f / 5.6
135mm f / 5.6
200mm f / 5.6

 

Das Nikon AF-Zoom-Nikkor 28-200mm 1: 3,5-5,6 G IF-ED wurde für die analoge Fotografie gebaut

Nikon´s letzter Versuch, die analoge Fotografie zu retten, waren die höchstwertige Nikon FM3A und die Nikon Serie F50 bis F80 mit einer dazugehörigen Objektivreihe. Die Nikon F65 z.B. mit 5-Feld-AF und 3D-Matrixmessung wurde speziell für die Verwendung mit den silbernen G-Nikkoren gebaut und als Kamera-Kit verkauft. Es gibt sie auch jeweils als schwarze Version. Für diese sehr leichten Kameragehäuse wurden sehr leichte und hochwertige „analoge“ Silberlinge entwickelt, von denen zwei zu den Highlights der Objektivbaukunst gehören:  das noch leichtere Nikon Zoom 28-80mm AF-G (https://www.nikonanalog-harth.de/produkt/nikon-28-80mm-3-3-5-6-g-af/) und das hier erwähnte Nikon AF 28-200mm G Objektiv. Nimmt man beide in die Hand, ist die Baulänge fast identisch.

Aber das Mehrgewicht des 28-200mm G Objektivs spricht eine deutliche Sprache – Glas macht Fotos! Das ist der Grund dafür, dass von 28mm bis 200mm im Zentrum eine sehr gute Schärfe erreicht wird.

Nikon AF 28-200mm G
                                           Nikon AF 28-200mm G

Nur 60.000 Exemplare weltweit

Leider waren die Kameras der Nikon F 50 – 80 Serie, selbst in schickem Silber, nicht markttauglich. Und darunter litt auch der Verkauf des hochwertigen 28-200mm G Objektivs, das nur einzeln gekauft werden konnte. Parallel dazu kamen 2002 die neuen „digitalen“ DX Objektive auf den Markt. Daher wurden nur ca. 60.000 Exemplare weltweit verkauft. Dies ist der Grund, warum das Objektiv heute kaum zu finden ist und deshalb oft noch für den damaligen Kaufpreis angeboten wird – eben ein Juwel.

Nikon hatte ja schon Erfahrungen mit den Zoom Nikkoren 43-86mm, 35-70mm, 35-105mm, 28-85mm, 35-135mm, 35-200mm, 28-70mm, 28-100mm und dem 28-200mm D Objektiv. Diese D Variante hat aber im Brennweitenbereich von 28mm und ab 140mm große Schärfeprobleme.

Beste Abbildungsleistung mit größter Kompaktheit.

Die Anforderungen der damaligen Zeit – möglichst leicht und hochwertig – führten leider zum Plastikbody, aber auch deshalb zum kleinsten und leichtesten Hochleistungs-Zoomobjektiv der Welt – gebaut von 2003 – 2006. Alle genannten Zoom Objektive bis auf das 35-70mm 3.5 und  2.8 AF Objektiv sind im Amateurbereich angesiedelt. Damit war (https://www.nikonanalog-harth.de/schatzkiste-zeitschrift-nikon-news-teil-i/) die Abbildungsleistung auf ein Niveau unter den Profiobjektiven angesetzt. Diesem Schicksal entging das Nikon 28-200mm G Objektiv durch die Bauvorgaben: beste Abbildungsleistung mit größter Kompaktheit.

Neue technische Lösungsansätze vom Objektivdesigner Haruo Sato für das Nikon AF 28-200mm G Objektiv:

  1. Das Erhöhen der Brechkraft jeder Linse führt zu einer Erhöhung der Aberration. Objektivdesigner erhöhen normalerweise die Anzahl der Linsenelemente, damit, einfach ausgedrückt, jede Linse eine andere Linse oder Linsengruppe korrigiert und dadurch insgesamt eine Reduktion der Aberration erreicht wird. Hier arbeitete Haruo Sato genau konträr: durch Verringerung der Anzahl der Linsenelemente und gleichzeitiger Erhöhung der Qualität der einzelnen Linsen (3 ED Gläser (gelb) und 3 ashpärische Gläser (blau)) wurde ein Aberrationskorrektur und damit Bildqualität erreicht, die für eine so kompakte Bauweise einzigartig ist.

Erklärung: Bei einem Zoom Objektiv sind die Linsengruppen auch  für die eingestellte Brennweite zuständig. Die vierte Linsengruppe bei so einem Brennweitenbereich besteht normalerweise aus 4- 6 Linsen, die sich gegenseitig korrigieren. Hier wurde die  4. Gruppe auf nur zwei sich gegenseitig korrigierende asphärische Linsen, eine konkave und eine konvexe,  reduziert.

 

  1. Außerdem verwendet dieses Zoom Objektiv eine aus vier Gruppen bestehende Positiv-Negativ-Positiv-Positiv-Struktur (konvex-konkav-konvex-konvex). Dies ist bautechnisch die beste Art, 28mm Objektive kleiner zu bauen – hier die untere Brennweite des Brennweitenbereichs.

    

  1. Das Magic Extra-low Dispersion Glas – kurz ED-Glas – für reduzierte sekundäre chromatische Aberration war nur den Profiobjektiven damals vorbehalten. Selbst das legendäre Nikon Nikkor 180mm ED AIS oder AF Objektiv hat nur die Frontlinse aus ED Glas. Hier wurden gleich drei ED Gläser, wie in heutigen Profiobjektiven vorhanden, verbaut. Deshalb ist dies ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Nikon das damals technisch machbare mit diesem Objektiv umsetzen wollte – und auch umgesetzt hat! Eigentlich ein Evolutionssprung in der Objektivherstellung.

Die Bildqualität von 28 bis 200mm:

Das Objektiv ist in allen Brennweitenbereichen im Zentrum schon ab Blende 3.5 extrem scharf, kontrastreich und hat eine gute Dynamik in den Farben.  Es arbeitet vom mittleren Bereich von 50 – 200mm im ganzen Bildbereich sehr gut. Ab 170mm Brennweite sind nur bei Gegenlicht leichte flairs (Blendenflecken) vorhanden. Bei Blende 8-11 hat das Objektiv durchgängig von 28mm bis 200mm das Schärfemaximum erreicht. Die für ein Zoomobjektiv typischen Verzerrungen im Weitwinkelbereich sind nur bei 28mm festzustellen. Diese sind mit einem guten Fotobearbeitungsprogramm aber leicht zu korrigieren. Das Objektiv erreicht bei 35mm schon ab Blende 3.8 dafür seine absolute Schärfequalität mit  0% Verzerrung.

Für ein Objektiv mit diesem Brennweitenspektrum war es für die damalige Zeit eine hausragende Leistungsbeschreibung. Da ich eigentlich mit Festbrennweiten fotografiere – z.B. dem Nikon 135mm 2.8 AIS oder dem Nikon 50mm 1.8 D AF Objektiv – hatte ich einen größeren Leistungsabfall erwartet. Aber in allen Bereichen, in denen nicht schnell fokussiert werden muss, entschleunigt fotografiert werden kann, sind von der Bildschärfe und der Bildkomposition höchstwertige Fotos machbar. Ich fotografiere meistens bei gutem Wetter mit 100 ISO und mindestens Blende 6,3. Die Grundschärfe ist dann brillant. Im Bereich von Vergrößerungen bis DIN A4 Fotobüchern oder DIN A3 Kalendern ist kein Unterschied zu den oben genannten Festbrennweiten sichtbar. Allerdings sind Freistellungen mit diesem Objektiv nicht möglich. Erst wenn es an mehrfache Ausschnittvergrößerungen geht, wird es bei einigen Motiven schwierig.

Die Grundfrage ist immer wieder gleich: Was soll das Objektiv leisten?

Aktuell:

Viele heutige Consumer Objektive können diesem Nikon AF 28-200mm G Objektiv in Sachen Verarbeitung und Bildqualität nicht das Wasser reichen. Und selbst Profiobjektive wie das Nikon Extremweitwinkel 8-15mm haben aus Gewichtsersparnis – genau – einen Plastiktubus. Die geringe Lichtstärke kann durch die heutigen digitalen ISO Werte problemlos ausgeglichen werden. Dieses Objektiv ist ein „Immerdrauf“ der absoluten Spitzenklasse. Ergänzt durch das Nikon 50mm 1.8 D Objektiv (https://www.nikonanalog-harth.de/produkt/nikon-nikkor-50mm-1-8-d-af-2/) für Fotos mit Freistellung, Bokeh oder Aufnahmen bei schlechten Lichtverhältnissen hat man eine optimale Kameraausrüstung für alle Gegebenheiten.

Fazit:

Eigentlich ist dieses Objektiv ein „verkapptes“ Profiobjektiv der damaligen Zeit. Und macht an einer Nikon Df eine richtig gute Figur.

Nikon Df mit Nikon AF 28-200mm G
                                      Nikon Df mit Nikon AF 28-200mm G

Der einzige richtig negative Aspekt ist das Plastik F-Bajonett. Aber auch hier wäre in der Herstellung eine Umstellung auf Metall eine Kleinigkeit gewesen.

Leider hat man in der heutigen Objektivherstellung – wie damals beim Wankelmotor – nicht diese technische Alternative weiterentwickelt. Stattdessen werden Objektivmonster mit 22 Linsen und mehr gebaut – absolut lichtstark und brillant – aber unhandlich und „extrem schwer“. Die kleinen Problemstellen – Autofokus und Verzerrungen – hätte Nikon wie z.B. beim Nikon Zoom 80-200mm 2.8 ED Objektiv wahrscheinlich auch durch noch besser berechnete Linsen im Weitwinkelbereich korrigieren können. Dies ist bei der neusten Generation von Objektiven bei Nikon, Sigma oder anderen Herstellern durch die heutige extrem hohe Computerleistung realisiert. Oder auch die neuartige Nanokristallvergütung zur Reduzierung von Streulicht wäre übertragbar.

Wie scharf muss scharf sein?

Wie scharf scharf sein muss,  (https://www.nikonanalog-harth.de/wie-gut-arbeiten-die-alten-nikon-ais-objektive-an-digitalen-kameras/ ), muss jeder selber entscheiden. Was noch positiv erwähnt werden sollte: die alten Objektive haben noch einen typischen Bildaudruck – eine eigene Bildsprache. Das ist so wie mit „echtem“ Filmmaterial ein schwarz-weiß Foto produzieren. Das kann ich selbstverständlich schneller und genauso „gut“ (???) digital – aber… . Genau – hier wird es philosophisch.

Außerdem wird im Alter Frau/Mann etwas bequemer und möchte nicht mehr Lastenesel spielen – aber auch nicht auf eine sehr gute kleine Kameraausrüstung verzichten.

Nur eine Kameraausrüstung, die genutzt wird, ist eine gute Kameraausrüstung!

Zudem ermöglicht diese sehr kurze Bauweise des Nikon AF-Zoom-Nikkor 28-200mm 1: 3,5-5,6 G IF-ED ein Arbeiten bis 300mm an einer DX Kamera mit Cropfaktor 1.5 wie der D300 oder der D7200 problemlos aus der Hand. Selbst mir altem Ministativ in ausgezogenem 200mm Zustand steht Kamera mit Objektiv für Langzeitaufnahmen stabil.

PS Alle Fotos im Beitrag wurden mit dem Nikon AF 28-80mm G Objektiv und einer D90 gemacht.

 

© Rüdiger Harth für Nikonanalog.de

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